Das war der Mädchenbeirat 2015


Unbenannt

 

Ein Mädchenbeirat – warum und wieso?

Bereits im Vorjahr konnten gemeinnützige Organisationen aus Österreich mädchen-spezifische Projektideen bei der Hil-Foundation einreichen und Unterstützung dafür erhalten. Die Inspiration dazu kam von filia. die frauenstiftung aus Deutschland.

Im März 2015 ging die Ausschreibung in die nächste Runde. An die 30 Einrichtungen haben diese Chance genutzt und unterschiedlichste innovative Projektideen ausgetüfftelt und eingereicht. Ein breites Spektrum von kreativen und handwerklich-technischen Projekten bis hin zu solchen, die sich mit selbstbestimmter Lebens- und Zukunftsge-staltung beschäftigten, zeigte sich da.

Als Voraussetzung für die Einreichung gilt: die Projekte sollen dazu beitragen, dass Mädchen und Frauen frei von Gewalt leben und in der Gesellschaft mitreden und mitent-scheiden können. Die Projekte werden von Mädchen und/oder Frauen für Mädchen und junge Frauen gemacht.

Die Entscheidung jedoch, welche fünf Projekte davon unterstützt werden sollten liegt sowohl in Deutschland als auch in Österreich jedes Jahr in den Händen der Expertinnen. Und das ist das Besondere daran, denn es sind Mädchen und junge Frauen zwischen
14 – 25 Jahren, die den Mädchenbeirat bilden.

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2015 waren es insgesamt sieben junge Frauen aus ganz Österreich mit unterschiedlichen Lebenszusammenhängen, die verschiedene Schultypen besuchten, sich auf dem Weg ins Studium oder in die Arbeitswelt befanden, aus Stadt und Land,… die sich von 11. bis 13.09.2015 im Schloss Puchberg bei Wels trafen. Die meisten der Mädchen hatte sich erstmalig für die Teilnahme am Mädchenbeirat beworben, zwei davon waren schon im Vorjahr mit dabei. Eine ganz unterschiedliche Gruppe also, die das Wochenende von Freitag bis Sonntag gemeinsam verbrachte.

 

Ablauf

Die Koffer ins Zimmer gestellt und schon ging es los mit einer bewegten Aufstellungs-übung, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede niedrigschwellig und auf lustige Art aufzeigen und die jungen Frauen zur Thematik hinführen sollte.

Fragen wie „Wer von euch ist gestern vor 22.00, 23.00 Uhr oder später ins Bett gegan-gen, wer von euch betreibt täglich, 1x in der Woche oder 1x im Monat Sport und welchen? In welchen Familienkonstellationen lebt ihr? Wer ist in eurer Familie für die Hausarbeit zuständig? Wer von euch weiß schon, was sie beruflich werden will…“ sorgten für viel Gelächter und einige Ah´s und Oh’s.

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Als nächstes brachten die Trainerinnen Ruth Mayr und Teresa Lugstein die Bildkarten aus dem Projekt making art * making media * making change, zum Einsatz, auf denen Aus-züge und Titelbilder von Comics, Zines und Craftivism-Projekten abgebildet sind.
Sie öffneten den Raum, darüber nachzudenken, was im Alltag „normal“ zu sein scheint, gesellschaftliche Normen und Rollenbilder zu hinterfragen, eigene Denkweisen zu erwei-tern und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Schon hier zeigte sich die Offenheit in der Gruppe und damit verbunden die große Dis-kussionsbereitschaft sowie die unterschiedlichen Zugänge und Wahrnehmungen, welche die Teilnehmerinnen mit einbrachten.

Zeit zum persönlichen Ankommen und um den persönliche Zugang zu ermöglichen, da-rum ging es nach dem Abendessen. Die Gestaltung des eigenen Lebensbaumes ist eine ressourcenorientierte Übung aus der Bigorafiearbeit, die dazu beiträgt, den Sinn des Lebens nachzuspüren, den roten Faden zu finden und das Eingebettet-Sein bewusst zu machen. In einer Mischung aus Selbstreflexion und Austausch wurde dabei das Bild vom eigenen Leben sichtbar.

IMG_1856Gestartet wurde mit einer kurzen Imaginationsübung:
“Stell dir vor, du bist ein Baum, fühle die Wurzeln, den Stamm, die Blätter, den Wind…

Daraufhin erhielten die Teilnehmerinnen die Einladung, ihren individuellen Lebensbaum zu gestalten. Materialien wie Wolle, Farben, Stoffreste, Buntpapier und Kleber standen ihnen dafür zur Verfügung.

Sie erhielten dazu Anleitungen wie: Die Wurzeln stellen dabei deine Werte, persönliche Einstellungen und prägen-den Erlebnisse dar. Der Boden, auf dem dein Baum wurzelt, steht für die eigene Herkunft, aus dem der Samen wächst. Der Stamm, die Äste und die Krone zeigt alles, was dir im Leben wichtig ist. Die Wolken darüber sind deine Ziele, Wünsche, Träume und Dinge, die in der Zukunft liegen…

Dabei setzten sie sich insbesondere mit folgenden Fragestellungen auseinander:

Wo sind meine Wurzeln/woher (von welchen Frauen) bekomme ich Kraft? Welche Frauen spiel(t)en in meinem Leben eine Rolle oder nähren nähr(t)en mich? Welche Fähigkeiten und Talente habe ich (von diesen übernommen)?… Welche möchte ich los werden oder weiter entwickeln?..

Im Anschluss stellten die Teilnehmerinnen ihre Bilder im Raum aus, es war genügend Zeit für einen Rundgang um diese wirken zu lassen und jede konnte etwas zu ihrem Bild sagen.

Als nächster Schritt ging es wieder darum, Frauengeschichte ins Bewusstsein zu rücken und die Bedeutung und Errungenschaften des Feminismus für Frauen und Mädchen heute sichtbar zu machen.

Die Trainerinnen stellten Frauenbiografien aus verschiedenen Epochen und Ländern vor: Malala, Johanna Dohnal, Irma von Troll Borostyani… vor. In der damit einhergehenden Auseinandersetzung konnten Bezüge zur Gegenwart hergestellt werden. Es zeigte sich z.B. dass das Recht auf schulische Bildung für Mädchen nicht überall alltäglich ist.

 

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Am Samstag vormittag gab es zur Auflockerung ein kleines Quiz. Die Fragen bezogen sich auf unterschiedliche Lebensrealitäten von Frauen und Mädchen und sollten ver-tiefend bewusst machen, dass Vieles, was für junge Frauen in Österreich heute selbst-verständlich ist, noch nicht überall auf der Welt gilt bzw. auch in Österreich erst vor relativ kurzer Zeit erreicht wurde.

Hier einige Fragen aus dem Quiz und auch die Antworten mit einer kurzen Zusatzinfo.

Das Meiste auf der Welt gehört irgendjemandem (Häuser, Fabriken, Schmuck, Land, Geld etc.). Was glaubt ihr, wie viel Prozent des Weltvermögens ist in Besitz von Frauen?
A: 1% B: 25% C: 33% D: 50%
Vermögen ist auf der Welt sehr ungleich verteilt. Nach einer Berechnung der Organisation Oxfam aus dem Jahr 2014 verfügen die reichsten 85 Menschen über denselben Reichtum wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung (= 3,5 Milliarden Menschen) zusammen.

Seit wann dürfen Frauen in Österreich wählen?
A: seit 1850 B: seit 1907 C: seit 1918 D: seit 1970
In Österreich dürfen Frauen seit 1918 wählen. In der Schweiz gilt das Wahlrecht für Frauen erst seit 1971.

In Österreich studieren mehr Frauen als Männer. Wie hoch glaubt ihr ist der Anteil an Professorinnen an den Universitäten?
A: 5% B: 10% C: 22% D: 48%
Von den Studierenden im Wintersemester 2013/2014 waren 53% weiblich. In den technischen Studienrichtungen liegt der Frauenanteil allerdings nur bei rund 24%.

Antworten, welche die Mädchen überraschten und zu weiteren Fragestellungen anregten…

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Nun war es aber an der Zeit, die Kriterien für die Auswahl der Projekte zu erarbeiten, dies geschah in mehreren Schritten mit Einzel- und Gemeinschaftsübungen. Was sich dabei herauskristallisierte – für die Vertreterinnen des Mädchenbeirats war es besonders wichtig, dass die Projekte folgende Aspekte beinhalteten:

  • Zugang für alle Mädchen ermöglichen (günstig, kostenlos, barrierefrei…)
  • Veränderung – nachhaltige Wirkung
  • eine aktive Beteiligung der Teilnehmerinnen bereits in der Planung
  • geschützter Rahmen
  • neue Projektideen
  • Beitrag zur Selbstbestimmung und Unabhängigkeit von Mädchen und jungen Frauen

Dann war alles bereit für die Präsentation der eingereichten Projekte, die die beiden Trainerinnen übernahmen. Die Mädchen wollten alles ganz genau wissen, angefangen von der Erreichbarkeit des Angebots, der Zusammensetzung der Zielgruppen, Möglich-keiten der Partizipation in der Gestaltung bis hin wie das Projekt in der Öffentlichkeit präsentiert werden sollte und löcherten Ruth und Teresa mit vielen kritischen Fragen.

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Zur genauen Übersicht gab es für die Teil-nehmerinnen eine Hand-out Mappe. In der ersten Runde traf jede für sich ihre erste Auswahl, für die sie in weiterer Folge im Plenum Argumente einbrachten und darüber diskutieren.

Die verschiedenen Sichtweisen haben für einige von ihnen neue Aspekte aufgezeigt, die wieder in die anschließende Einzelarbeit einflossen.

Letztendlich sind sie diesen Entscheidungs-findungsprozess gemeinsam gegangen, haben ihre Auswahl getroffen.

Hier geht´s zu den ausgewählten Projekten 2015

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Nach diesem intensiven Prozess war Bewegung angesagt. Der Abend war perfekt für einen Fackelzug in der wunderschönen Umgebung mit einem anschließenden Feuerritual.

Zum Ausklang stand eine Frauenfilmnacht mit Chips und Pocorn am Programm. Der Film „We want Sex“ zeigt die Geschichte von echten Powerfrauen.

Sonntag früh blieb Zeit um die gemeinsame Arbeit noch einmal Revue passieren zu lassen, Eindrücke festzuhalten, Fragen zu stellen und gegenseitiges Feedback zu geben. Eine Bootsfahrt an der Donau und der Besuch der Ars Electronica in Linz bildeten den passenden Ausklang für dieses Mädchenbeiratswochenende.

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Rückmeldungen der Mädchen zum Mädchenbeiratswochenende:

„Ich habe gelernt, dass es wichtig ist sich für Rechte einzusetzen.“

„Das Mädchenbeiratswochenende war sehr interessant und ich glaube, dass das etwas ganz Besonderes ist und ich eigentlich alles in mein alltägliches Leben mitnehmen kann.“

„Ich fand alles in allem sehr cool, neu und interessant.“

„Ich habe davor keine Ahnung gehabt, wie viele Projekte es in Österreich für Mädchen gibt.“

 

Auf die Frage, was sie von dem, was sie hier gemacht haben, auch für ihr weiteres Leben nutzen können, bekamen wir u.a. folgende Anworten:

„Ich werde versuchen, mich weiterhin für Rechte von anderen Menschen einzusetzen.“

„Ja – eigentlich ist mir erst jetzt die Nachbeteiligung von Frauen in ganzem Ausmaß bewusst geworden und der Kurs hat mich bestärkt, auch später etwas für Frauenrechte zu tun.“

„Auf jeden Fall, das vor der Gruppe sprechen, eigene Meinung vertreten und vieles mehr was wir erfahren haben.“

„Die Frauenarbeit war sehr spannend & auch die Fakten über die nicht vorhandene Gleichberechtigung.“

„Mitreden, mitentscheiden“

 

Und hier ein schönes Abschlusszitat:

„Ich weiß, dass Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft sowie in anderen Kulturen stark benachteiligt werden. Der Mädchenbeirat bietet die Möglichkeit, sich selbst einzubringen und gleichzeitig Gutes für Andere zu tun. Mit meiner Teilnahme wollte ich einen Schritt zur Veränderung setzen – das hat mich zur Anmeldung am Mädchenbeirat motiviert. „ Es gibt nichts Gutes – außer man tut es“ Erich Kästner,“ wie es uns Patricia uns noch zurückgemeldet hat.